BLOOD OF THE BLACK OWL / THE HEAD OF THE WOODS - Split

BLOOD OF THE BLACK OWL / THE HEAD OF THE WOODS - Split
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label: Handmade Birds, 2012 review BLACK Magazin: Wenn für jemanden die spirituelle Welt... mehr
Produktinformationen "BLOOD OF THE BLACK OWL / THE HEAD OF THE WOODS - Split"
label: Handmade Birds, 2012

review BLACK Magazin:
Wenn für jemanden die spirituelle Welt der eigentlichen Realität gleichkommt, wenn es um die Praxis schriftlich nicht überlieferter Religionen der nordamerikanischen Urvölker geht, spricht man gemeinhin von Animismus. Geheimnisvolles, nicht Offenkundiges, Tradiertes und Schlummerndes schläft in diesem Sinne in allen Dingen und geht einher mit einer Zurückweisung der Ratio als einziger Quell der Erklärung der Welt. Eins sein mit dem eigentlichen Ich – soweit wie möglich – und ein Suchen nach dem Verborgenen, nach eben jenem Lied, das in allen Dingen schläft und eine (mitunter übersteigerte) Verehrung der Natur, sind in unseren Breitengraden eher Zuschreibungen, die man in der Epoche der Romantik verortet. Verknüpft man jedoch jene Zuschreibungen mit dem eingangs angerissenen Animismus, landet man in subkulturellen Zusammenhängen irgendwann bei NEUROSIS.

Oder eben bei Chet W. Scott.  Dieser dürfte in seiner Funktion als Labelbetreiber von Glass Throat Recordings oder durch seine diversen musikalischen Projekte kein Unbekannter sein. Mit RUHR HUNTER hat er sich dabei sicherlich das größte Maß an Aufmerksamkeit erspielt, zudem wirkt er bei THE ELEMENTAL CHRYSALIS, CEDAR SPIRITS und seinem neusten, dem RUHR HUNTER-Nachfolgeprojekt CYCLE OF THE RAVEN TALONS – und natürlich bei BLOOD OF THE BLACK OWL. Die Parallelen zwischen seinen Projekten und seinem Label finden sich auf musikalischer Ebene sicher entlang von  Funeral Doom und Drone, entlang von Earth Metal und diversen Spielarten des Folk. Thematisch drehen sich seine Arbeiten um Fragen zu Ritual und Schamanismus, der Naturverehrung der Germanen und eben jenem Animismus der indigenen Völker Nordamerikas. Der in Seattle Beheimatete rief 2004 sein Projekt BLOOD OF THE BLACK OWL ins Leben. Er schaut seitdem auf drei Alben sowie eine Split-Veröffentlichung mit CELESTIIAL zurück. Als Partner für seine aktuelle und somit zweite Split-Veröffentlichung hat er seinen Langzeitkollaborateur James Woodhead und dessen Projekt AT THE HEAD OF THE WOODS gewählt. Gemeinsam veröffentlichten sie als die bereits genannten THE ELEMENTAL CHRYSALIS zwei Alben, die als wundersame Verschmelzung von “Zaubergarten Ambient und Funeral Folk (vgl. Drone Katalog) bezeichnet wurden. Als THE ELEMENTAL CHRYSALIS tourten sie vor knapp sieben Jahren mit Scott Kelly und alle Beteiligten drückten bei diversen Gelegenheiten ihrer Wertschätzung füreinander aus. Im dunklen verwunschenen Ambient-Folk THE ELEMENTAL CHRYSALIS` kann auch nach Hinweisen geforscht werden, wenn es gilt, zur vorliegenden Split-Veröffentlichung die ersten Gedanken zu modellieren.

Auf ihr befinden sich zwei Stücke, eines von Woodhead als AT THE HEAD OF THE WOODS und eins von Scott als BLOOD OF THE BLACK OWL. Die Spielzeit von 50 Minuten teilen sich beide brüderlich. Woodheads Stück bildet den Auftakt. “Here I Stand“ startet mit verrauschten Vocals zu einigen vermutlich auf der Fidel angestrichenen Akkordfolgen. Angereichert durch Soundscapes, die den Hörer alsbald einfangen und fesseln, nimmt “Here I Stand“ den Rezipienten mit auf die Reise, mit auf ein Floß – oder hier passender – auf ein Kanu – schwimmend durch die Soundbäche und –flüsse. Dem Hörer wird ein Schallbad in Aussicht gestellt, das nicht nur ein Eintauchen verspricht. Vielmehr scheinen in jenem Soundfluss Geister zu wohnen, zu denen der Kontakt beim Eintauchen aufgenommen wird. Hinein in diese “akustischen Bilder“ schnorrt ein Snare, wuchtet die Bassdrum immer in nahtlosen Übergängen, immer im Wechsel von scheinbarem Stehen und plötzlicher Eruption, eben gleich einem Fluss, dessen Fließgeschwindigkeit auch variiert. Ab Minuten 11 tritt der Reiseführer dieser Fahrt, Woodhead stärker in den Mittelpunkt. “We move…“ tönt es da, hallversetzt zu immer stärker verdichteten Soundscapes, die immer deutlicher Doom-Anleihen offenbaren. Entlang des Flussufers steigen Nebel aus feinsten Drones auf, fast ätherisch, dazwischen fetzen einzelne, krachige E-Gitarren-Akkorde.

Mit Raunen und Rasseln startet “The Vision Of Strix Nebulosa“ und somit der Beitrag Chet W. Scotts. Hinter Strix Nebulosa verbirgt sich der Bartkauz. Dieser großen Eulenart wird wie allen Eulen ein hoher symbolischer Wert beigemessen. Weisheitsvogel, Botin, Beschützerin – stets versinnbildlicht sie das Gute und das Böse. Bei  BLOOD OF THE BLACK OWL sind ihre Visionen in drei Teile untergliedert. So wird in der ersten Vision etwas beschworen, was unter dickem Schnee in der Erde überwinterte. Die durchgängigen Dunkledrones gleichen einem stehenden Rausch und werden immer wieder von Flötensounds untermalt. Die Flöte gilt von jeher als Instrument der Beschwörung, sie leitet das Ritual oft ein. Flüsternd und raunend transformieren sich hintergründig die Drones, der vormals stehende Rausch erfährt Bewegung. Übergangslos gleiten sie ineinander, erzeugen eine an schwarz-Metallisches erinnernde Atmosphäre. Hier wird etwas gerufen, aus den Tiefen des Bewusstseins, hier wird Erinnerung an Vergessenes bemüht. Es scheint, als riefe da jemand nach einer Urkraft, die den Abirrungen der Gegenwart entgegentritt. Halluzinatorisch wirken an diesem Punkt die Drones, unmerklich transformieren sie sich. Verwunschenes flammt auf und verschwindet, taucht ab und ein in den Rausch. Dezent finden Wah-Wah-Effekte Einsatz, verrauschen und zerrupfen aber nie, sondern betonen und verstärken eher die Beschwörungsformeln.

Der Übergang zur zweiten Vision trägt ein lautes “Awaken“. Mantraartig wiederholt, steigert sich das Stück an dieser Stelle, während im Hintergrund warme, hallende Drones schimmern, in welche helle Flötensounds einrieseln. Hier klart es auf, das Ritual schreitet spürbar voran, bewegt sich auf seinen Höhepunkt zu. Die finale Vision des Bartkauzes offenbart sich entlang diverser E-Gitarrenakkorde, die beschwörend in die Soundbasis eintröpfeln. Eine hallversetzte, verzerrte Stimme ruft aus, spricht an. Dabei adressiert sie den Ausruf nicht an den Hörer, denn dieser wohnt all dem gleich einem Beobachter bei. Gleich einem Spaziergänger, der sich verirrt an einer Lichtung wiederfindet und dort – versteckt hinter einem Baume – dem Ritual des Chet W. Scott gewahr wird, es belauscht. Das bedächtig-Elegische, das düster-Erhabene trübt ein, Verfinsterung erfährt es durch den Wehmut des Beschwörenden. Die Sounds kennen nur noch eine Richtung: Nach vorn! Lautstärke und Tempo werden forciert. Ekstase kündigt sich an. Bedrückende Dunkel-Drones röhren nun schwarzgetüncht auf den Hörer zu, während sich die Beschwörungen in ekstatische Ausbrüche steigern und eruptiv als Schreie das Bedächtige der Eingangssequenz zerplatzen lassen. Dazu hallen Gitarrenakkorde samt langsam zerbröckelnder Verzerrung, indes sich die Drones baumhoch auftürmen. Tiefes, fernes Grollen taucht plötzlich in der Mitte der Lichtung auf, Scotts Slowcore scheint es wachgerufen zu haben. Final beschlossen wird das Stück durch eine Coda, bei der Verzerrungen und Verschränkungen die Beschwörung und somit das Ritual abschließen.

Beschwörung, Ritual, schamanische Praxis. In unserer illusionslosen Gegenwart bleibt das nicht ohne Widerspruch. Als einzige Option, hin und wieder in eine andere Wirklichkeit einzutauchen, wird allenfalls die von diversen Unterhaltungselektronica erzeugte dumpf-harmlose Parallelwelt in Erwägung gezogen. Scheinbar konsensual ist dort das aufgehoben, was Immersion befördern soll. Umso wirkmächtiger leuchtet die Gegenwelt Woodheads und Scotts auf. Das Heraufbeschworene hegen sie nicht ein, vielmehr wohnen sie im Tagtraum dem gespinstgleichen Aufkommen bei, lauschen und beobachten deren Verschmelzung und lassen sich so an Orte zurückführen, die als verloren galten. Hier regt sich der Botho Strauß`sche Gedanke der Rückkopplung, an ein Weltempfinden, das verschüttet in allen und allem angelegt ist und dort tief schlummert. Mit abermals verfeinertem Handwerk suchen Woodhead und Scott nach einer Innerlichkeit und tasten nach ihr, ohne ins Seichte der Befindlichkeiten oder diverser Esoterika abzudriften.

Fast scheint es, als würde hier dem Glauben der nordamerikanischen Ureinwohner folgend, ein Totem beschworen, das jedem von Geburt anheim gegeben ist. Die Vision herbeizuführen, um in der Folge den Schutzgeist zu entdecken, setzt voraus, dass über eine schamanische Deutung verfügt werden kann. Mit einer Urwucht und einer ganz eigenen Praxis des Slowcore spielen AT THE HEAD OF THE WOODS und BLOOD OF THE BLACK OWL gegen das Defätistische der Gegenwart an, wobei sie ihre Rollen geschickt verbergen. Nie treten sie als Mahner oder Visionäre auf, geschickt vermeiden sie es, wem das Ritual konkret gelten soll und verhindern so eine dominierende Lesart. Obwohl hier eine Split-Veröffentlichung und keine Kollaboration vorliegt, gewinnt eine Interviewaussage Woodheads am Ende des Durchlaufes an Gehalt und Gestalt, als er seinerzeit sagte: “Chet and I hold very close our hearts.“

Bedient haben sie sich bei der Folklore und dem Animismus der indigene Völker Nordamerikas. In den seltenen Momenten, in denen man als Hörer von einer Veröffentlichung derart euphorisiert wird, schreibt sich mitunter eine Erkenntnis im Hörenden ein. Ähnliches bewegte vermutlich auch R.Loren auch dahingehend, diesem Ausnahmealbum einen Platz in seinem Veröffentlichungskatalog des Wunderbaren freizuhalten. Diese Erkenntnis indes, die sich einschreibt in all jene, die durch das Rezipieren dieser Veröffentlichung ihre Nerven kräftig bewegt finden,  lautet schlicht und einfach: “Schläft ein Lied in allen Dingen.“ (S.L.)

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